Der steinige Weg zum Foto-Fachdrogisten

Albrecht Reiß

Der steinige Weg zum Foto-Fachdrogisten

Leseprobe:

Noch am gleichen Abend trommelte ich meine Freunde zusammen und wir begannen unter der Leitung meines Cousins fachmännisch mit der Destillation. Den Alkohol erhitzten wir vorsorglich wegen der Entzündungsgefahr im Wasserbad. Ein großer Glastrichter mit Filterpapier und dem darin befindlichen Brunstpulver standen bereit. Mein Cousin schüttete den kochenden Alkohol in den Trichter und wir starrten mit glänzenden Augen und geröteten Wangen in das darunter befindliche Becherglas. Dabei stieg uns der angenehme Duft des Weingeistes in die Nase.
Aber es dauerte, bis sich die Flüssigkeit den Weg durch das Pulver gebahnt hatte. Dann tropfte es endlich, zunächst zaghaft, dann immer schneller. Mein Cousin bemerkte mit alchimistischer Souveränität: „Seht her, die Flüssigkeit ist schwach gelblich. Das ist die Ambra. Nun brauchen wir nur noch den darin befindlichen Alkohol zu verdampfen und wir haben reine Ware.“ Wir staunten über so viel Sachkenntnis und klopften meinem Cousin anerkennend auf die Schultern.
Nachdem auch dieser Vorgang abgeschlossen war, sah man eine kleine Menge einer hochkonzentrierten Lösung im Becherglas. Mein Freund Eugen tauchte vorsichtig seinen Zeigefinger hinein, um den Geschmack zu prüfen. Martin warnte ihn und versuchte ihn zurückzuhalten: „Pass mir nur auf, dass du nicht jetzt schon einen Ständer bekommst!“
Nachdem alle genügend gelacht hatten, begannen die Überlegungen zum schwierigsten Unterfangen. Wie bringt man das gewonnene Präparat unbemerkt an den Mann oder besser gesagt an die Frau? Die Lösung wurde schnell gefunden. Gefüllte Honigbonbons sollten sich als geeignet erweisen. Mit Hilfe einer Injektionsspritze wurde der flüssige Inhalt der Bonbons abgezapft und durch die in Alkohol gelöste Ambra ersetzt. Auf diese Weise präparierten wir eine ganze Blechdose voll herrlich aussehender, mit Sexualität geladener Honigbonbons. Und wir waren fest davon überzeugt, dass sich unsere „Weiber“ nach dem Genuss der süßen Köder freiwillig und wie von Geisterhand in die Horizontale begäben, um sich von uns als willenlose Opfer verführen zu lassen.

Am nächsten Wochenende, es war ein lauer Septemberabend, traf sich die Clique hinter der Kirche. Dort, wo wir uns immer trafen, auf einer Bank zwischen alten, romantisch überwucherten Gräbern und niedrigen, ungepflegten Ligusterhecken. Die Sonne verschwand purpurrot hinter hohen Bäumen. Drei der Mädels saßen aufgereiht auf einer Bank und blätterten in einer „Bravo“-Zeitschrift. Ortrud, ein vollbusiges Mädchen mit langem schwarzem Pferdeschwanz, deren Mutter in Westberlin mit einem neuen Mann lebte, war die einzige, die an derartige Lektüre kam. Sie war hübsch, wenn auch mit etwas barocker Figur, und ein jeder von uns Jungs hätte ganz gern mal was mit ihr gehabt.

Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 86
ISBN: 978-3-7103-2761-2
Erscheinungsdatum: 18.07.2016
EUR 13,90 als Buch