Stundenbuch eines Suchenden

Ferdinand Ernst Böckl

Stundenbuch eines Suchenden

Leseprobe:

Noch hab ich die Augen offen
und gehe das Leben im Wachen.
Doch erleb ich an mir oft ein Hoffen,
das dereinst ein ruhiger Nachen
mich zieht an das andere Ufer
des Styx und mit sanfter Gebärde
erreicht, dass ich ankommen werde.

Dort seh ich den einsamen Rufer,
der mich schon beim Namen rief,
während ich hier oben noch schlief.
Das Leben will mir seltsam scheinen.
Denn vor meinem Geiste verzweigen
sich allerlei Wege und neigen
dazu, sich nicht mehr zu einen.

Die einen sind schmal und an Steinen
entlang und möchten mich fürchten meinen.

Die andern aber, die breiten,
zeigen sich an ihren Seiten
frei und offen im Licht,
aus dem Vertraulichkeit spricht.

Jedoch beschränkt sich zu oft,
in jenen luftigen Weiten,
der Geist unverhofft
zu noch viel engeren Gängen,
darin die Worte verhallen
und einsam und ohne Drängen
weitab ins Leere nur fallen.
Die Dichter haben dich vergessen.
Sie schreiben leer nach deinem Schreien
und plakatierten Nichtverzeihen,
weil du dich aus dem Graun befreien
konntest und waren drum vermessen,
dich nicht mit deinem Namen mehr zu rufen.

Und es verblassten jene Stufen,
die einst im Licht zu dir gelangten.
Und jene, die im Wahnsinn bangten,
um die sich Schattenbilder rankten,
verdarben unter harten, herben Hufen.

Und nur die Zeit legt offenbar
den Weg zu einer neuen Welt,
die uns mit Langsamkeit erhellt.
Denn noch wirkt alles wie entstellt
und birgt im Inneren Gefahr.
Nur manchmal verstehe ich nicht,
dass mir das Leben vergab.

Ich trage mein ganzes Gesicht
von der Mutter fort bis ans Grab
und trage den Vater in mir.

Und stehe als Waise vor dir,
der nichts aus der Ahnung begreift
mit der ihn dein Atem bestreift.

Doch das Wissen ist tief im innersten Sein,
und die Hülle verbleibt nur als sichtbarer Schein.

Gedichte sind wie Gebete. Und die Gebete dieses Stundenbuches zeigen die Möglichkeit einer Suche nach dem Inneren auf, die jeder für sich und auf seine Weise in Erfahrung bringt.
Wird der eine oder andere Vers zu einem alltäglichen Satz und so zu einem Vehikel einer ganz persönlichen Suche, freut dies den Dichter, der hier nur die Feder führte, denn die Gedichte stiegen aus dem Innern empor.
Die Entstehung rührt aus der Suche nach einer Bestimmung und gelingt mit einer gewissen Offenheit, die sich nicht in einem einzigen Glauben verfestigt, sondern nach einer allumfassenden Lösung sucht und mit einer unbekannten Sehnsucht nach sich Selbst.
Diese vier Gedichte, aus dem Fluss der Gedanken genommen, können nur ein Kleines aus dem Sinn des Gesamten erkennen lassen. Sie sind in der Folge aufgeschrieben wie aus dem Inneren entstanden.

Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 52
ISBN: 978-3-7103-3149-7
Erscheinungsdatum: 21.02.2017
EUR 14,90 als Buch